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Erfahrungsberichte von Förderklassen-Schülern

INTERVIEW MIT DER MUTTER EINES FÖRDERKLASSENKINDES AM MÜNCHNER MARIA-THERESIA-GYMNASIUM
VORSPANN

Ihr Sohn ist Einzelkind, 13 Jahre und besucht heute die 8. Klasse des MTG. Er hat die Grundschulzeit normal durchlaufen, wurde aber auffällig. Im dritten Grundschuljahr wurde er getestet. Diagnose: hochbegabt. Er belegte dann Kurse bei der Hochbegabtenförderung: Zunächst in Biologie, dann einen Schachkurs. Heute besucht er einen Computerkurs des Vereins.

INTERVIEWTEXT

Welche Erfahrungen haben Sie in der Grundschule mit ihrem Sohn gemacht?
Mein Sohn war während der ganzen Grundschulzeit ein sozialer Außenseiter. Er hatte keine Probleme mit dem Stoff, den er aus eigenem Antrieb heraus bewältigt hat, ohne dass wir mit ihm irgendetwas geübt hätten. Aber das Problem war immer, dass er keine Freunde gefunden hat. Er hat einfach keinen Gesprächspartner gefunden, der sich ähnlich intensiv mit den Dingen befasst hat, die ihn interessierten.

Was hat ihn besonders interessiert?
Er hat z.B. besonders viel mit Technikbaukästen gespielt. Er hat davon in der Schule auch ab und an etwas erzählt. Aber die anderen Kinder haben ihn ausgelacht und gesagt, er würde bloß angeben. Das ist dann soweit gegangen, dass er überhaupt nichts mehr erzählt hat, also auch uns getadelt hat, wenn wir erzählt haben, was wir am Wochenende gemacht haben, weil das für ihn immer Angeben war. Nach dem Motto: Man darf nicht sagen, was man macht, weil das Angeben ist. So hat er überhaupt nicht mehr gesprochen, und es ist klar, dass es dann schwierig ist, mit seinen Mitschülern in Kontakt zu bleiben.

Frage: Wie sind Sie darauf gekommen, dass hinter diesem Verhalten eine Hochbegabung steckt?
Etliche Leute haben das unabhängig voneinander als Möglichkeit angesprochen. Aber erst als die Grundschullehrerin diesen Verdacht geäußert hat, haben wir ihn testen lassen.

Er hat daraufhin Kurse in der Hochbegabtenförderung belegt. Wurde seine Situation dadurch besser?
Eigentlich nicht, denn in seinem Biologie-Kurs waren wohl auch gehäuft Kinder mit schwierigem Verhalten. Und selbst, wenn das nicht so gewesen wäre, glaube ich, dass der 14-Tage-Rhythmus der Treffen nicht ausreicht, um stabile soziale Kontakte zu knüpfen, die dann außerhalb der Kurszeiten vertieft werden. Die meiste Zeit war mein Sohn eben doch wieder in seinem normalen Umfeld.

Ihr Sohn ist dann zum MTG gekommen. Welche Erwartungen haben Sie als Mutter mit dieser Schule verbunden?
Natürlich hatte das auch damit etwas zu tun, dass das eines der nächsten Gymnasien hier in der Nähe ist. Ich habe trotzdem lang gezögert, ihn dort für die Hochbegabtenklassen anzumelden, weil ich die relativ schlechten Erfahrungen von der Hochbegabtenförderung hatte und befürchtet habe, dass er dort wieder mit Kindern zusammen kommt, die ein auffälliges Verhalten zeigen. Ich habe es aber doch gemacht. Er ist dann mit einem anderen Kind, zu dem er eine Art loser Freundschaft hatte, dort aufgenommen worden und hat die Klasse besucht. Er selbst hat geäußert, dass er erst in der Hochbegabtenklasse damit angefangen hat, gern in die Schule zu gehen.

Wie hat sich Ihr Sohn auf dem MTG entwickelt?
Eigentlich arbeitet er genauso wie vorher. Er arbeitet sehr selbständig. Wir kümmern uns meist nicht darum, was er macht. Er bringt seine Leistungen selber. Er hat jetzt Freunde gefunden, zwei Kinder. Und mir hat er mal gesagt: Ich habe in der Klasse jetzt keinen Feind. Früher hat er das schulische Umfeld doch eher als feindlich empfunden.

Ist er früher denn auch an der Grundschule gehänselt worden?
Ja, oft. Er ist oft auch öfter dreckig nach Hause gekommen, weil die anderen Kinder ihn in den Matsch geschmissen haben. Einmal habe ich mich auf die Socken gemacht, weil er nicht nach Hause gekommen ist. Und dann fand ich ihn heulend vor seiner Klassenzimmertür. Da haben die anderen Kinder ihm seinen Winterstiefel versteckt, so dass er so natürlich nicht heimgehen konnte.

Zum MTG: Macht er denn auch Hausaufgaben? Arbeitet er viel oder arbeitet er wenig?
Wenig! Sein Arbeitseinsatz geht gegen Null, würde ich sagen.

Manche Eltern beklagen ja hohen Leistungsdruck beim MTG. Können Sie das aus Ihrer Erfahrung bestätigen?
Nein. Unser Sohn ist kein Kind mit lauter Spitzennoten. Er ist mehr mathematisch-naturwissenschaftlich begabt, wo er gute bis sehr gute Noten hat. Und in den Sprachen, die ihm weniger liegen, sind seine Leistungen eher mittelprächtig. Aber es ist alles im grünen Bereich. Den Vorwurf mit dem zu hohen Notendruck am MTG kann ich nicht unterschreiben. Was das Lernen selbst angeht, kocht er schon ziemlich auf Sparflamme. Er könnte vermutlich mehr erreichen, wenn er einen größeren Einsatz bringen würde.

Er hat jetzt zwei Freunde gefunden. Kann man sagen, das er damit zum ersten Mal so etwas wie ein soziales Leben erlebt?
Ja, das kann man schon sagen. Vor allem sind es auch Kinder, von denen ich sagen kann, dass ich es schön finde, dass das seine Freunde sind. Wenn er vorher mal Kinder mitgebracht hat, waren das oft Kinder, von denen ich nicht besonders begeistert war. Man konnte aber nicht wählerisch sein. Ich war froh, dass überhaupt jemand kam. Jetzt ist dagegen alles doch sehr entspannt.

Welche Erfahrungen haben Sie als Eltern im Umgang mit den Lehrern des MTG gemacht?
Die Lehrer in den Hauptfächern und die Klassenleiter habe ich als sehr engagiert erlebt. Sie haben auch viele Gespräche geführt, wenn es nötig war. Wir haben regelmäßig einen Elternstammtisch. Da sind immer zwei Lehrer mindestens anwesend, oft sogar drei. Hier werden auftretende Probleme besprochen. Ich habe wirklich den Eindruck, dass sie sich sehr engagieren und einsetzen.

Kann man sagen, dass Sie eigentlich rundum zufrieden sind mit dem MTG und der Entwicklung ihres Sohnes?
Ich bin in erster Linie mit der Entwicklung meines Sohnes zufrieden. Und ich denke, dass das MTG und seine Klasse dort einen Anteil daran haben.

Gibt es Aspekte, nach denen ich nicht gefragt habe, die aber Ihnen noch bei diesem Thema wichtig sind?
Zur Entwicklung meines Sohnes habe ich eigentlich alles gesagt. Er ist zwar hochbegabt, aber nicht über die Maßen leistungsmotiviert und leistungsorientiert. Bei ihm klappt es trotzdem. Ich mache mir natürlich schon Gedanken, warum etliche Kinder aus der Klasse abspringen oder abspringen müssen. Und ich glaube, das sind vor allem die Underachiever, die dort nicht entsprechend aufgefangen werden können. Dazu reichen die Hilfsangebote, die die Schule diesen Kindern anbieten kann, nicht weit genug. Da nützt das ganze Engagement der Lehrer nichts. Diese Kinder müssten vielmehr psychologisch begleitend betreut werden. Ich glaube also, dass diese Kinder mit dem jetzigen Konzept leider nicht aufzufangen sind. Sehr leistungsmotivierte Hochbegabte dagegen fühlen sich von dem gelegentlichen (oder häufig?) disziplinlosen Verhalten ihrer Mitschüler manchmal so gestört, dass sie die Klasse wechseln wollen.

ANMERKUNGEN:
Das Interview wurde im Frühjahr 2003 geführt. Es diente als Information für einen potentiellen Autor eines Buches über Hochbegabung.
Die Namen der Betroffenen sind dem Betreiber dieser Homepage bekannt.


Copyright: © 2003, Interaktion
Überarbeitung: 16. Januar 2009
URL: http://www.foerderklassen-mtg.de